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DIE THEMATIK |
Hitler wußte, warum er die Künstler, alle Künstler, durch den
Scheiterhaufenprozeß der ‚entarteten Kunst’ zum Schweigen verurteilte.
Weil von wahrer Kunst Schärfung des Gewissens, Stärkung des Geistes,
Kritik an der Halbheit ausgeht, weil sie Aufruf zur höchsten
Menschlichkeit ist.“
Alfred Kerr, 1947, nach seiner Rückkehr aus der Emigration
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Anmerkungen zu
schwierigen Kapiteln der deutschen Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert
Durch den
Expressionismus gelangte die deutsche Kunst seit Dürer erstmals wieder zu
Weltgeltung. Das expressive Gestaltungsprinzip beruht auf dem Abrücken von
der Lokalfarbigkeit und einer das Wesentliche betonenden Formensprache. Um
Charakteristisches herauszustellen, geht sie manchmal bis zur Deformation.
Ausgerechnet diese in ihrer Art heute als typisch deutsch anerkannte
künstlerische Ausdrucksform zu Beginn des 20. Jahrhunderts verketzerten die
Nationalsozialisten als „Verjudung“ bzw. als „Bolschewisierung“ der
deutschen Kunst. Darüber hinaus sprachen sie über alles Innovative in der
damaligen Moderne ihr Verdikt. Es betraf neben den expressiven ebenso
kubistische, konstruktivistische, neusachliche und ungegenständliche
Gestaltungsprinzipien. Insgesamt ächteten sie das Werk aller Künstler, die
neue Wege des Ausdrucks gingen. Ein Dorn im Auge waren ihnen insbesondere
auch kritische Darstellungen von gesellschaftspolitischen Themen, etwa die
Herausarbeitung von Kriegsschrecken und Kriegsfolgen. Sie verstanden sie zu
recht als gegen ihre Ideologie gerichtet.
Alle
genannten Aspekte künstlerischer Darstellung bezeichneten sie als
„entartet“. Sie meinten damit: Kunst, die nicht ein naiv realistisches,
möglichst auch idealistisch schönendes Abbild der Welt wiedergibt,
entspräche nicht der arischen Art und „Herrenrasse“. Durch staatlich
beauftragte Kunstzensoren und Konfiskateure ordneten sie an, Museen und
öffentliche Galerien von solchem künstlerischen „Unrat“ in reichsweit
angelegten Beschlagnahmeaktionen zu befreien. In vermeintlichen
Schandausstellungen diffamierte man Kunst und Künstler. Ihren Höhepunkt
erreichte diese Kulturbarbarei mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in
München. Hier wurden in schamlos verunglimpfender Weise über
700
Kunstwerke von 112 Künstlern angeprangert. Während der braunen Ära wurden
nach heutigem Wissenstand über zwanzigtausend Kunstwerke von über 1400
Künstlern aus öffentlichen Sammlungen relegiert, ein kleiner Teil davon auf
einer internationalen Auktion und durch eigens ausgewählte Kunsthändler zu
Spottpreisen verkauft, das Gros vernichtet. Die Diffamierung und Verfolgung
dieser Kunst und ihrer Schöpfer bezeichnet man heute als „Verfemung“. Das
Wort ist der mittelalterlichen Rechtsprechung entlehnt und beinhaltet ein
Urteil über einen nicht Anwesenden. Alle, die um das Urteil wissen, dürfen
es vollstrecken, sobald sie die Möglichkeit dazu haben. „Verfemte Kunst“
meint analog, dass über unliebsame, vor allem zur Kritik anregende und
aufrufende künstlerische Aussagen ein staatliches Verdikt gesprochen wird.
Ihrer öffentlichen Missachtung bis hin zur Vernichtung waren damit Tür und
Tor geöffnet.
Betroffen davon waren
zunächst die bis 1933 bereits ins Rampenlicht der Öffentlichkeit getretenen
Gründungsväter der Moderne, für den deutschen Sprachbereich vor allem die
Schöpfer des Expressionismus, etwa die Künstler der „Brücke“, des „Blauen
Reiter“ und verschiedene Individualisten wie Max Beckmann oder Karl Hofer.
Mit hineingezogen wurden jedoch auch viele Jüngere, nicht selten ihre
Schüler, die „zweite Generation der Moderne“. Sie waren zur Zeit ihrer
Ausgrenzung erst dabei, sich einen Namen zu machen, als das Verdikt auch
über ihre Kunst gesprochen wurde.
Aufgrund
persönlicher
Repressalien und öffentlich durch „Schandausstellungen“ an den Pranger
gestellt, ging ein Teil ins Ausland; die Mehrheit zog sich in die innere
Emigration zurück. Vor allem jüdische Künstler, die Deutschland nicht
beizeiten verlassen hatten, kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Nur
wenige überlebten. Leo Haas (1901-1983) überstand fünf Konzentrationslager
und dokumentierte diese grausame Zeit u.a. mit einer Folge von 12
Lithographien. - Carl Rabus (1898-1983) emigrierte aufgrund seiner
Freundschaft zu der Jüdin Erna Adler, seiner späteren Frau, nach Belgien.
Als Deutscher wurde er wie fast alle Emigranten nach Beginn des deutschen
Westfeldzugs 1940 in einem Internierungslager inhaftiert. Seine Erlebnisse
im französischen Lager St. Cyprien, seine nach der Flucht von dort erfolgte
Gestapohaft in einem Wiener Gefängnis und was er an Gräueln aus der Nazizeit
erfuhr, gestaltete er aufgrund kleiner, während dieser Zeit gefertigter
Zeichnungen 1945 in der Holzschnittfolge „Passion“. Weiteren Aufschluss über
die Verfolgung von Künstlern geben z.B. Bilder des Dresdeners Hubert Rüther.
Ihm wurde wie vielen anderen von der Reichskammer für Kultur künstlerisches
Schaffen untersagt. Die Folgen grausamer Zwangsarbeit trieben ihn kurz nach
Kriegsende in den Freitod. Für die Sammlung konnten seine für die Zeit nach
1933 wichtigsten aus persönlichen Erlebnissen entstandenen Arbeiten erworben
werden. - Wie durch ein Wunder erhielt Oskar Zügel in den frühen 1950er
Jahren einen Teil jener Werke zurück, die 1934 als „degeneriert“ aus seinem
Atelier beschlagnahmt wurden, verbrannt werden sollten und sich schließlich
1951 nach seiner Emigration nach Spanien und Argentinien und nochmals
Spanien teilweise im Maschinenraum der Stuttgarter Staatsgalerie
wiederfanden.

Carl Rabus, Devant le mur (Vor der Mauer 1940/41)
Titelblatt der Folge «Passion», 1945 (Holzschnitt) |

Hubert Rüther, Gefangene,
um 1934/36 (Aquarell) |
Gegen Ende des Krieges
wurden viele Kunstwerke, ganze Künstlerateliers Opfer des Bombenhagels.
Weitere bis dahin geschaffene Lebenswerke gingen durch Vertreibung verloren.
Was heute an Kunstwerken der jüngeren Expressionistengeneration vor 1945
erhalten geblieben ist, beruht oft auf Zufällen. Etwa zwei Drittel von
ihnen verloren ihr Frühwerk durch Kriegseinwirkungen. - Der erste
Bundespräsident Theodor Heuss schreibt 1953 an den Dichter Alfred Döblin im
Hinblick auf das Erbe der Nazidiktatur: „Am Zerbrechen einer geistigen
Kontinuität wird Deutschland noch lange zu tragen haben.“
Nach Kriegsende
versuchte die Mehrheit
derjenigen, die im Lande überlebt hatten oder aus der Emigration
zurückgekehrt waren, an verschüttete Traditionen vor 1933 anzuknüpfen. Doch
im geteilten Deutschland wurde auch das Kunstgeschehen von unterschiedlichen
Tendenzen und Einflüssen beeinträchtigt. Im Westen gewannen neben
einer Rückbesinnung auf die zum Teil schon vor dem Ersten Weltkrieg
bekannten Künstler der ersten Generation der Moderne ungegenständliche
Strömungen die Oberhand, die wesentlich vom amerikanischen „abstrakten
Expressionismus“ und der „École de Paris“ beeinflusst waren. Die
nonfigurative Kunst wurde im Kalten Krieg gegen den im Osten verordneten
„sozialistischen Realismus“ instrumentalisiert. Ungegenständlichkeit wurde
nicht nur als Ausweis der Freiheit verstanden, sondern als „Ziel“ jedes
Kunstschaffens postuliert. Dabei wurden die weiterhin gegenständlich
Orientierten entweder als „überholt“ abgestempelt, oder, was härter traf, im
nachhinein als Vorbereiter der braunen „Blut- und Bodenkunst“ desavouiert.
Das hing auch damit
zusammen, dass der im Osten geforderte „sozialistische Realismus“ mit
ähnlichen Forderungen nach Volksnähe arbeitete wie es die
Nationalsozialisten getan hatten. Die Künstler sollten ihr Schaffen in den
Dienst der kommunistischen Ideologie und die Förderung der sozialistischen
Gesellschaft stellen. Diejenigen, deren Kunst diesen Normen nicht entsprach,
die sich in subjektiv-expressiver Weise äußerten, wurden als „Modernisten,
Formalisten und Subjektivisten“ bezeichnet. Man brandmarkte sie als
„Vertreter der im Verfaulen begriffenen Kunst des Kapitalismus“. Weil sie
der individuell gestalteten Form den Vorrang einräumten gegenüber der
Forderung, Bildinhalte lebensnah-realistisch abzubilden, geißelte man sie
als der Bourgeoisie verfallene „Formalisten“. Ein Teil der Angeprangerten
verließ die DDR Richtung Bundesrepublik, wo sie mit ihrer
expressiv-figurativen Formensprache jedoch überwiegend auch keine
Anerkennung fanden. Andere zogen sich, vergleichbar der Nazizeit, in eine
Art „innere Emigration“ zurück.
Bei der Gesamtbetrachtung der deutschen
Kunst des 20. Jahrhunderts,
den Verfemungsaktionen
der Nazis, dem Dominanzanspruch der Ungegenständlichkeit im Westen und dem
„Formalismusstreit“ im Osten, wird offenkundig, dass eine große Zahl von
Künstlern unter den politischen Regimen gelitten hat und ihr aufgrund
diverser Ideologien die gebührende Würdigung und Anerkennung versagt
geblieben ist. Bereits 1980 veröffentlichte der Marburger Kunsthistoriker
Rainer Zimmermann eine erste Bestandsaufnahme „Die Kunst der verschollenen
Generation“.
Es
war der erste umfassendere Versuch zu zeigen, wie eine ganze Generation von
Künstlern, die um 1900 Geborenen, mehr oder weniger in Vergessenheit geriet.
Wenn er sich dabei „nur“ Künstlern unter dem Signé des „expressiven
Realismus“ zuwandte, darf nicht übersehen werden, dass alle Kunstschaffenden
betroffen waren, die die vom Expressionismus und Kubismus initiierten
Neuerungen in eigenen figurativen Handschriften fortgeschrieben haben. Die
Kunstgeschichte steht erst am Anfang ihrer Entdeckung und Aufarbeitung.
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